Fotos: ©Ingrid Blaurock
         Sommertag
         1998

Künstlerbücher & Poesie

Texte

Ulrich Meyer-Husmann, Kunsthistoriker, Mainz

Brigitte Dirting ist Malerin und Zeichnerin. Einerseits bestimmen Farben ihre Bilder, wobei die Wahl der Farben eine Vorliebe für Erdfarben verrät. Blau und Grün treten hinzu. Rot dagegen fehlt. Bestimmend für die Bilder ist keine laute Farbigkeit, sondern eher eine verhaltene. Fast alle Farben sind durch Weiß gebrochen.
Andererseits kommt zur Farbe die Linie, allerdings nicht im Sinne einer strengen Geometrie, sondern eher als zartes Geflecht von dünneren und kräftigeren Pinselspuren.

Die Überlagerungen der Farbflächen und das über den Farbflächen liegende Geflecht aus Linien leistet Zusätzliches, es entsteht Raum, nicht als Konstruktion, sondern aus dem tatsächlichen Übereinander von Flächen und Linien.

Weil das meist eindeutig ablesbar ist, ist auch der Prozess des Machens oft noch nachvollziehbar, wo welche Fläche eine andere überlagert, wo Linien in die Flächen hineinragen oder sich selbst überschneiden.

Ausgangspunkt ist die Natur. Anregungen suche und finde ich unterwegs in der Natur, wie Brigitte Dirting betont. Innerhalb der Kunst ist dieses Verhältnis von Kunst und Natur ein altes Thema. Seinen Schwerpunkt hatte es zunächst im 19. Jahrhundert. Im Zuge der Verstädterung und Industrialisierung wuchs gleichzeitig der Drang nach draußen, zurück in die Natur, wurde allerdings auch schnell trivialisiert, man denke nur an Caspar David Friedrich und die Schallplattenhüllen. In der Stuttgarter Ausstellung von 1977 über Naturbetrachtung und Naturverfremdung hieß es: Jede Form der Naturbetrachtung ist eine Form der Naturverfremdung. Das gilt auch für die Bilder von Brigitte Dirting. Ich möchte das an dem Bild Sommertag belegen: Ausgangspunkt ist die Natur, allerdings ist damit kein bestimmter Ort gemeint, das Bild ist von daher auch nicht vor der Natur gemalt, sondern es ist ein Natur Eindruck, genauer ein Farb Eindruck. Das eigene innere Reagieren steht dabei im Vordergrund. Damit liegt die Betonung auf dem Subjektiven.

Das ist sicher ein Stück romantisches Erbe: Natur wird zum Erlebnisfeld des eigenen emotionalen Subjekts. In den Worten von Caspar David Friedrichs: Jedem offenbart sich der Geist der Natur anders, darum darf auch keiner dem anderen seine Lehren und Regeln als untrügliches Gesetz aufbürden. Keiner ist Maßstab für alle, jeder nur Maßstab für sich und die mehr oder weniger ihm verwandten Gemüter
(Hamburg S.83).

Brigitte Dirting drückt das subjektive Moment noch etwas anders aus: Ich möchte in mir selbst eine Form lesen. Das bedeutet nun nichts anderes, als dass der Blick von der Natur weg auf das eigene Innen gerichtet wird, und in dem ist es auch ein Stück Suche nach dem Selbst.

In seinem Aufsatz Über Künstler und Kunst äußert sich Fernando Pessoa über das Verhältnis von Künstler und Natur. Und ich zitiere diesen Autor besonders gern, weil ich weiß, welche Bedeutung er für Brigitte Dirting hat. Die Natur bringt bestimmte Künstler zu einem Zweck hervor, der dem Künstler selbst verborgen bleibt, aus dem einfachen Grunde, weit er nicht die Natur ist. Je mehr er seiner Kunst einen Zweck mitgeben will, desto mehr entfernt er sich von dem wahren Ziel, das er nicht kennt, das die Natur jedoch in seinem Innern, dem Geheimnis seiner ursprünglichen Persönlichkeit und seiner instinktiven Inspiration verborgen hat
(S. 10).

Brigitte Dirting würde den Begriff der Inspiration wohl eher durch den der Imagination ersetzen, so auch der Titel eines Bildes. Imagination bedeutet ja so viel wie Einbildungskraft, Phantasie oder auch bildhaftes Denken.

Ich denke, jetzt können wir die verschiedenen Aspekte zusammenfügen:
Die Natur ist Impulsgeber, die eigene ausgeprägte und geschulte Sensibilität wird zum Resonanzboden, der Blick nach Innen schafft eine erste Vorstellung. Dann beginnt die Transformation. Dabei wird der Prozess des Machens für die Künstlerin zur entscheidenden Phase auch im Sinne von Eigenerfahrung und Lebensintensität.

Im Wechselspiel von Intuition und Reflexion beziehungsweise Rationalität und Spontaneität, so Brigitte Dirting, ist es auch ein Wechselspiel von Abstraktion und Konkretion, Abstraktion im Abheben von der Natur und Konkretion in der Verdichtung von Farbflächen und Linien.

Das Offenhalten der Bilder ist für Brigitte Dirting dabei kein Selbstzweck, es ist die Scheu vor dem vermeintlich Fertigen, dem Abgeschlossenen und soll anderseits dem Betrachter die Möglichkeit zur eigenen Assoziation belassen.

Gilt das Interesse den kleinen Dingen der Natur, so ist die Sensibilität des Sehens nach Aussage der Künstlerin besonders geschärft für Zeichen und Spuren der Zeit und Vergänglichkeit. Auch das betont die Verbindung zur Romantik. In der fragilen Schönheit des Gegenständlichen schimmern der Verfall und damit das Motiv des Todes hindurch. Es ist die immer wieder faszinierende Verschlingung von Schönheit und Tod.